Wochenimpuls: Der 105. Nachfolger des Heiligen Augustinus von Canterbury

03.11.2025 |

ist, liebe Leserinnen und Leser, erstmals eine Frau: Sarah Mullally. Das Bild, das sie hier sehen, zeigt sie bei ihrer Amtseinführung als Bischöfin von London 2018 (© Interestmedia via Wikicommons).
Als ich während der Sommerferien die Kathedrale in Canterbury besuchte, war der Auswahlprozess noch in vollem Gange. Dieser oblag einer Kommission, der 16 stimmberechtige Geistliche und Laien angehörten. Zu deren Vorsitzenden ernannte Premierminister Keir Starmer den früheren Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5, Jonathan Evans.

Nachdem die Kommission schließlich zwei Kandidaten ausgesucht hatte, übermittelte sie deren Namen an den Premierminister. Dieser wiederum informierte König Charles III. und riet ihm, den „Top-Kandidaten“ zu ernennen, was dieser auch tat. Daraufhin wurde in diesem Fall die „Top-Kandidatin“ Sarah Mullally informiert und gefragt, ob sie die Wahl annehmen will. Schließlich verkündete der Premierminister am 3. Oktober ihren Namen und das Kollegium der Geistlichen an der Kathedrale von Canterbury wird sie im Dezember formal zum neuen Erzbischof wählen. Nach der Bestätigung der Wahl im Januar in der Londoner St. Paul´s Kathedrale wird Sarah Mullally dann als erste Frau am 25. März 2026 feierlich als 105. Nachfolgerin den Bischofsstuhl des Heiligen Augustinus einnehmen. 
Dieser lebte als Benediktiner im Kloster Sankt Andreas auf dem Monte Celio in Rom, bevor ihn Papst Gregor I. zusammen mit anderen Mönchen als Missionar zu den Angelsachsen nach England entsandte. Als die Gruppe unterwegs von der Wildheit der Angelsachsen erfuhr, kehrte sie erschrocken nach Rom zurück. Doch der Papst schickte sie auf der Stelle wieder dorthin. So erreichte die verschüchterte Mönchsgruppe im Frühjahr 597 England und ihre Mission wird zum Erfolg. 
Bereits bei der Ankunft begrüßte sie König Ethelbert von Kent freundlich und begleitete sie nach Canterbury. Auch in der Folge unterstützte der König die Mönche großzügig. Er war mit der fränkischen Prinzessin Berta, selbst Christin, verheiratet und ließ sich schließlich selbst zusammen mit vielen weiteren Untertanen von Augustinus taufen. Augustinus wurde bald darauf Erzbischof von Canterbury und gründete in päpstlichem Auftrag ein weiteres Erzbistum in York sowie weitere 24 Diözesen, die er jeweils zur Hälfte Canterbury und York zuordnete. Nach seinem offiziellen Bruch mit Rom ernannte König Heinrich VIII. 1533 mit Thomas Cranmer den ersten protestantischen Erzbischof von Canterbury. Sarah Mullally ist nun die erste Frau in diesem Amt.
Sie ist von Haus aus gelernte Krankenpflegerin, seit 1987 verheiratet und Mutter zweier Kinder. 2001 erhielt sie die Diakonenweihe und 2006 die Priesterweihe. Im Juli 2015 wurde sie von ihrem Vorgänger im Amt als Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, zur Bischöfin von Crediton geweiht. Als solche war sie Suffraganbischöfin von Exeter. 2017 wurde sie Bischöfin von London und damit die Nummer drei in der anglikanischen Hierarchie nach den Erzbischöfen von Canterbury und York. Als einer von fünf "Geistlichen Lords" ist der Bischof von London geborenes Mitglied des Oberhauses. Zudem ist er auch Dekan der königlichen Kapellen, was ihm einen privilegierten Zugang zur Royal Family gibt. Wegen dieser Nähe wird der Bischof von London auch als "the King´s Bishop" (des Königs Bischof) bezeichnet. 
Die Berufung Mullallys markiert einen historischen Wendepunkt. Genau 33 Jahre nach der Öffnung des Priesteramts für Frauen erreicht erstmals eine Frau die Spitze der Kirche von England. Im November 1992 hatte die Generalsynode mit knapper Mehrheit die Zulassung beschlossen - ein Schritt, der damals beinahe zur Spaltung der Kirche führte und eine regelrechte Abwanderungswelle zur katholischen Kirche auslöste. Heute gilt die Entscheidung als unumkehrbar: Inzwischen ist rund ein Drittel aller anglikanischen Geistlichen in England weiblich. Seit 2014 dürfen Frauen auch das Bischofsamt bekleiden.
In einer Erklärung zu ihrer Wahl sagte die neue Erzbischöfin: "Ich weiß, dass dies eine riesige Verantwortung ist, aber ich gehe ihr mit einem Gefühl des Friedens entgegen und vertraue auf Gott, dass er mich trägt, wie er es immer getan hat". Als Erzbischöfin kann sie dieses Vertrauen wahrlich gut gebrauchen. Denn die stark diakonisch ausgerichtete Frau muss sich mit schwierigen Themen beschäftigen - darunter die Frage nach der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, der Widerstand gerade afrikanischer Teilkirchen gegen das Bischofsamt für Frauen, der Umgang mit den Missbrauchsskandalen innerhalb der anglikanischen Kirche sowie die Frage, wie auf den christlichen Nationalismus der extremen Rechten reagiert werden soll. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Ihren Einsatz für die Schwachen hat sie jedenfalls schon mehrfach bewiesen. So verurteilte sie die Pläne der letzten konservativen Regierung, Bootsflüchtlinge nach Ruanda abzuschieben und lehnt aktuell das von der Labour-Regierung geplante Gesetz zur aktiven Sterbehilfe ab. Möge ihr Gottvertrauen Sarah Mullally in ihrem Amt tragen und ihr Tun zum Segen für viele werden.
 
Ihr Pfarrer Ronny Baier