Wochenimpuls: Die Kirche ist keine Partei

19.08.2025 |

Liebe Leserinnen und Leser,
 
das stimmt. „Die Kirche ist keine Partei“ Politiker und auch Politikerinnen betonen diesen Satz immer wieder und am liebsten, wenn die Kirche mal wieder eine Stellungnahme abgibt, die ihnen nicht passt. Und ich selbst werde auch ab und an gefragt: Muss das sein? Müssen sie denn immer wieder was zu Flüchtlingen, zu Armut, zu Gerechtigkeit, zu Antisemitismus, zur Unwählbarkeit der AfD…. schreiben? Und wie oft höre ich: „Kann die Kirche nicht einfach bei dem bleiben, was ihre Sache ist? Über Gott sprechen und den Glauben?“

„Die Kirche ist keine Partei“, das stimmt, aber sie ist parteiisch und sollte es auch immer sein, wenn es um Gerechtigkeit, Frieden und die gute Schöpfung Gottes geht. Da hat die Kirche auf der Seite der Opfer zu stehen, ohne Wenn und Aber. 
Denn für mich ist klar: Die Fragen nach Gott und dem Glauben – und allemal die nach Jesus – haben immer unmittelbar mit dem Leben hier und jetzt zu tun. Mit den Menschen hier und jetzt. Und „die Menschen“ sind eben nicht nur meine Familie und Freunde, sondern mein – um mal ein Wort aus der Bibel zu gebrauchen: mein Nächster und meine Nächste. Und das steht – um in der Sprache der Parteien zu sprechen – in ihrem Grundsatzprogramm, der Bibel. 
Und das schon seit Jahrtausenden. Gerade die Propheten des Alten Testamentes hauen ordentlich auf den Putz, wenn im Lande die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Amos und Hosea sind da besonders gute Beispiele. Und Jesus selbst stellt sich ganz in die Reihe dieser Propheten, wenn er sie immer wieder zitiert. 
Und wenn es um die Ungerechtigkeit geht, dass die einen hungern und die andern in Saus und Braus leben, versteht Jesus keinen Spaß. Und das gilt auch wenn diese Hungernden Flüchtlinge und Migranten sind. Sie sind eben keine – um mit Donald Trump zu sprechen – „Tiere“, die das Blut des Landes vergiften. Und sie sind auch kein Müll, den man entsorgt.
Die Idee und der Wunsch, Kirche möge sich mit Gott und Glauben beschäftigen und sich damit aus der Welt raushalten, ist alt. Ich weiß, dass die Kirche sich im Lauf der Geschichte nicht eben mit Ruhm bekleckert hat, gerade auch hierzulande. Man kann froh sein, dass Napoleon den geistlichen Fürsten ein Ende bereitet hat. Aber es geht hier letztlich um etwas anderes. Kirche soll nicht stören. Aber: Was heißt hier Kirche? Kirche gibt es nicht um der Kirche willen. Spricht und handelt die Kirche allein um ihrer selbst willen, hört sie auf Kirche Jesu Christi zu sein. Es geht in der Kirche einzig und allein um die Nachfolge Jesu Christi. Und aus Jesu Auftrag leitet sich wirklich alles ab: zuerst: das in und für die Welt sein. 
Und zwar für die jeweils Schwächeren und die Bedrohten, für die Unschuldigen und Schuldigen, die Ungesicherten, zuerst. Gott ist in Jesus parteiisch. Nicht neutral. Als Christ soll ich mich nicht raushalten. Sondern in diesem Sinn handeln und beten. Das heißt natürlich nicht, dass Kirche zu allem und jedem etwas sagen muss. Das soll sie nicht. Aber dann, wenn´s drauf ankommt: Immer - wenn es um die Würde des Nächsten geht und letztlich kann mir jeder zum Nächsten werden, weil alle Menschen gleich sind als Geschöpf vor dem Angesicht ihres Schöpfers. Darin begründet sich die christliche Verpflichtung, das Wohl eines jeden Nächsten zu wollen, egal ob in der Nähe oder in der Ferne.
Und deshalb liegt auch ein J.D. Vance falsch, wenn er der Nächstenliebe eine willkürliche Grenze setzt und alles ignoriert, was dahinter liegt. Damit widerspricht er dem jesuanischen Ideal der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit macht keinen Halt an Staatsgrenzen, Herkunft oder Religion. Sie fragt nicht: „Gehört dieser Mensch zu mir?“, sondern: „Was braucht er jetzt?“ Jesus macht dafür einen Samariter zum Vorbild. Wer ihm folgt, erkennt im Leidenden nicht den Fremden, sondern seinen Nächsten. Wenn das nicht politisch ist.
 
Ihr Pfarrer Ronny Baier