Wochenimpuls: Jesus und die Familie

12.08.2025 |

Liebe Leserinnen und Leser,
 
eines ist wohl sicher: Jesus war nicht verheiratet. Auf jeden Fall lässt das Neue Testament es nicht zu, das Gegenteil zu behaupten. Folgt man bspw. dem Lukasevangelium, dann hat Jesus viele andere dazu ermutigt, es ihm gleichzutun und aus gesellschaftlichen Normen seiner Zeit auszubrechen.  Bei Lukas heißt es in Kapitel 14: Als Jesus wieder unterwegs war, zog eine große Menge Menschen hinter ihm her. Er wandte sich nach ihnen um und sagte: “Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern; er muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14,25f.)

Man kann das verwendete Verb „brechen“ hier durchaus mit „hassen“ übersetzen. Ein krasses Wort aus dem Mund dessen, der in der Bergpredigt die Sanftmütigen seligpreist: Eltern, Ehepartner, Kinder, Geschwister zu hassen. So kennen wir diesen Jesus nicht, als einen, der Menschen zum radikalen Bruch mit der Familie auffordert. Und wenn davon die Rede ist, dass eine große Menge hinter ihm hergeht, dann heißt das doch, dass er entsprechend viele genau dazu aufforderte: zur radikalen Abkehr vom Familienleben. Und gilt dieser Aufruf dann letztlich nicht auch uns?
Kein Wunder, dass im Lauf der Geschichte ganze Heerscharen von Theologen angestrengt versucht haben, dieses familienfeindliche Jesuswort familienfreundlich umzuinterpretieren. Wirklich gelungen ist es keinem, denn es geht nicht. In diesem Punkt ist das Neue Testament klar: Der Erlöser war kein liebevoller und treusorgender Ehemann und Papa, auch kein gehorsamer Sohn. 
Er war das Gegenteil: ein Revolutionär. Matthäus legt ihm die Worte in den Mund: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu bringen. Nein, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Streit.“ (Mt 10,34). Streiten wofür? Und: Kämpfen wogegen? 
Darüber herrscht unter Exegeten bis heute Uneinigkeit. War Jesus ein Aufrührer gegen den römischen Staat oder gegen den jüdischen Tempel? Ich denke, dass er weder das eine noch das andere war. Er ruft zu radikalerem auf. Unmittelbar nach Vers 34 folgen bei Matthäus die Worte: Ich bin gekommen, um die Söhne mit ihren Vätern zu entzweien, die Töchter mit ihren Müttern und die Schwiegertöchter mit ihren Schwiegermüttern. Die nächsten Verwandten werden einander zu Feinden werden. Und dann fordert Jesus auch noch eine bedingungslose Liebe zu ihm und seinem Reden und Tun ein: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Radikale Worte, die nicht auf den römischen Staat und seine Unterdrückung zielen, nicht auf den jüdischen Tempel, die Priesterkaste, die Händler, die am Kultbetrieb gut verdienen, sondern auf jene Institution, die zur Zeit Jesu allen anderen vorausging: die Familie. 
Wer gegen die Familie aufsteht, könnte man sagen, der steht auf gegen die Mutter aller Institutionen. Ledig bleiben ist so schlimm wie einen Mord begehen - so fasst der Talmud die Botschaft des Alten Testaments zusammen. Selbst der weise Lehrer Kohelet bricht beim Gedanken, ein Mann könnte keine Familie gründen, in den klassischen Ruf des Entsetzens aus: Wie schlecht steht es um den, der alleine ist! (Koh 4,10). Dagegen verheißt Jesus denen, die Familie, Eltern, Geschwister, Kinder um seines Namens willen verlassen, hundertfachen Lohn und das ewige Leben als Zugabe. (vgl. Mt 19,29)
Man stelle sich das vor: Vater und Mutter, die man verlassen hat, hundertfach wiederzubekommen oder gar die verlassene Ehefrau. Da mag mancher daran zweifeln, ob das erstrebenswert ist. Egal. Die Familie ist auf jeden Fall die Mutter aller Institutionen. Und Jesus hat sie nicht nur relativiert, sondern dagegen rebelliert. Und was hat seine Herkunftsfamilie dazu gesagt? Bei Markus lesen wir die Antwort: „Als das die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist irre.“ (Mk 3,21). Doch ein Schelm, wer jetzt denkt, das sei ein Plädoyer fürs Zölibat gewesen.
 
Ihr Pfarrer Ronny Baier