Wochenimpuls: Gaza – 17. Juli 2025
29.07.2025 |
Liebe Leserinnen und Leser,
wer in den vergangenen Jahren regelmäßig Artikel gelesen hat, die ich an dieser Stelle veröffentlicht habe, der weiß, dass ich mich darin schon oft gegen Antisemitismus und Israelfeindschaft und jegliche Hetze gegen Menschen jüdischen Glaubens ausgesprochen habe. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Für mich gibt es in der Kirche keinen Platz für Antisemitismus. In meinen Augen gehört der jüdische Glaube fest zu diesem Land und keiner kann das leugnen. Ebenso wenig darf das Existenzrecht Israels in Frage gestellt werden oder dessen Recht, sich gegen jene zu wehren, die mittels Hasses, Terror und Gewalt versuchen Israel zu schaden und als Staat auszulöschen. Und nichts anderes war der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 mit mehr als 1000 Todesopfern. Dass Israel sich daraufhin wehrt, ist ohne Frage gerechtfertigt.
Dies kann mich aber nicht davon abhalten, mich kritisch zu dem zu äußern, was die Regierung Netanjahu derzeit tut. Gewiss, die Hamas muss die noch immer von ihr seit dem 7. Oktober 2023 festgehaltenen israelischen Geiseln freilassen. Auch sollte sie die Regierungsverantwortung in andere Hände legen und Gaza verlassen. Nur dann wird es dort letztlich Frieden geben.
Doch rechtfertigt dies in meinen Augen nicht, wie Israel derzeit versucht diese Ziele zu erreichen. Es sterben viel zu viele unschuldige Zivilisten.
Inzwischen wurde aus der legitimen Verteidigung ein Vernichtungskrieg gegen das palästinensische Volk als solches. Und dazu nutzen radikale jüdische Siedler den aktuellen Krieg immer offener, um auch im Westjordanland Palästinenser einzuschüchtern, sie zu terrorisieren und von ihrem Land und aus ihren Dörfern zu vertreiben. Die anhaltende Siedlergewalt bekam zuletzt auch wieder das Dorf Taybeh östlich von Ramallah zu spüren, das als letzter rein christlicher Ort gilt. Beim jüngsten Vorfall legten extremistische jüdische Siedler ein Feuer bei der Georgskirche, deren Geschichte ins 5. Jahrhundert zurückreicht und als eines der ältesten religiösen Wahrzeichen Palästinas gilt. Nur das rasche Eingreifen der Bevölkerung hat eine Zerstörung der antiken Kirchenruine verhindert.
Am 17. Juli nahm das israelische Militär die einzige katholische Kirche in Gaza ins Visier. Bei dem Angriff wurden mindestens drei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Das Kirchengebäude der Pfarrei der Heiligen Familie wurde schwer beschädigt. Der Angriff am 17. Juli ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Bereits im Juli 2024 hatte eine israelische Bombe die mit der Pfarrei verbundene katholische Schule getroffen. Vier dort untergebrachte Menschen starben dadurch. Im Dezember 2023 erschossen israelische Soldaten eine Mutter und ihre Tochter, die Teil der Pfarrei der Heiligen Familie waren.
Das israelische Militär sprach nach dem Angriff am 17. Juli einmal mehr von einem „unbeabsichtigten Schaden“ und betonte, dass es sich nach Kräften bemüht „Schäden an der Zivilbevölkerung und an religiösen Einrichtungen zu vermeiden“.
Das nenne ich zynische Realität, in der wehrlose Zivilisten, Gebetsstätten und humanitäre Einrichtungen zum Ziel von Gewalt und Zerstörung werden. Posthume Bitten des Militärs um Entschuldigung klingen leider wie ein wiederholter Refrain, mit dem kriegerische Verhaltensweisen, die nicht länger toleriert werden können, verschleiert werden. Denn neben den laut israelischen Militärangaben 15.000 getöteten Hamas-Mitgliedern, wurden inzwischen seit dem 7. Oktober 2023 auch über 17.000 palästinensische Kinder getötet. Der katholische Pfarrer von Gaza spricht von über 50.000 Toten und über 100.000 Verletzten in diesem Krieg. Tod, Leid und Zerstörung sind allgegenwärtig.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte sein Bedauern, dass die Kirche in Gaza von Streumunition getroffen worden sei. Jeder Verlust eines unschuldigen Menschenlebens sei eine Tragödie. Leider erfolgte nach israelischen Medienberichten die Reaktion Netanjahus erst nach massivem Druck durch den US-Präsidenten Donald Trump. Das lässt mich an der Aufrichtigkeit Netanjahus doch sehr zweifeln. Noch einmal: Selbstverständlich muss die Hamas die grausame Gefangenschaft der verbliebenen Geiseln beenden und Gaza verlassen. Aber gerade, weil Israel beansprucht, keine der Terrororganisation ähnliche Kriegspartei zu sein, muss die israelische Regierung ihrerseits das humanitäre Völkerrecht achten und der palästinensischen Zivilbevölkerung uneingeschränkten Zugang zu humanitärer Hilfe gewähren. Für unzählige Menschen ist dies unmittelbare Überlebensnotwendigkeit. Aber sie bestimmt letztlich die weitere Zukunft. Denn auf einem zerstörten Boden werden keine Früchte des Friedens wachsen. Oder soll Gaza „tote und verbrannte Erde“ bleiben?
Ihr Pfarrer Ronny Baier
