Wochenimpuls: Gemeinsame Feiertage haben ihren eigenen Nutzen
08.07.2025 |
Liebe Leserinnen und Leser,
gemeinsame Feiertage unterbrechen den Alltag, sie strukturieren den Ablauf des Jahres und geben zudem Halt und Orientierung und schaffen mit Ritualen und Traditionen auch eine übergreifende Identifikation.
Daher ist es gut, dass einige Feiertage in unserem Land gesetzlich als arbeitsfreie Tage geschützt sind, sodass möglichst viele Menschen daran teilhaben können. Denn sie haben gegenüber individuellen Urlaubstagen eine nicht zu unterschätzende solidarisierende Wirkung. Schon allein der reine Freizeitnutzen steigt, wenn sich die Mehrheit einer Gesellschaft zu gemeinsamen Aktivitäten zusammenfinden kann: Arbeitnehmer, Ruheständler, Arbeitsunfähige und Arbeitslose in gleicher Weise. Ich finde, dass an diesen Tagen erwerbstätige und nicht erwerbstätige Menschen ein bisschen mehr als sonst gleichgestellt sind.
Feiertage bieten Gelegenheit zur Stärkung sozialer Bindungen und fördern den Gemeinsinn. Und genau deshalb ist es politisch und gesellschaftlich klug, gesetzliche Feiertage beizubehalten, statt immer wieder darüber zu diskutieren, welch wirtschaftlichen Nutzen die Streichung eines gesetzlichen Feiertags hätte. Durch die Sonn- und Feiertagsgesetze der Länder sind acht Feiertage bundeseinheitlich gesetzlich geschützt: Neujahr, Karfreitag, Ostermontag, Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag, Erster Mai, erster und zweiter Weihnachtstag. Die einzige Ausnahme von der Länderhoheit stellt der Tag der Deutschen Einheit dar, der 1990 durch den Einigungsvertrag zum nationalen Feiertag erhoben wurde.
Somit haben sechs bundesweite Feiertage einen christlichen Ursprung; auch von den ländereigenen Feiertagen sind viele christlich geprägt. Angesichts sinkender Kirchenmitgliederzahlen und einer religiös pluraler werdenden Gesellschaft drängen sich deshalb eher Fragen wie diese auf: Wie sinnvoll sind christliche Feiertage, wenn Christen nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung stellen? Wenn die Mehrheit den christlichen Inhalt nicht kennt?
Sollten die Kirchen Feiertage anderer Religionsgemeinschaften oder des Staates unterstützen? Warum nicht? Aber man sollte seitens der Kirche auch eine Bestandsaufnahme der christlich geprägten Feiertage machen. Nehmen wir das – nicht nur – bundesweit beliebteste Fest: Weihnachten.
Überall feiern Christen die Geburt Jesu auf ähnliche Weise. Doch auch Nichtchristen begehen dieses Fest, unterbrechen den Alltag, passen die Bedeutung ihrem Bedürfnis an, feiern mehrheitlich ein „Fest der Liebe“. Sie alle verbindet die Gleichzeitigkeit der Auszeit und die Sehnsucht nach Beständigkeit, Bindung, Geborgenheit.
Egal, ob mit Christkind oder Rentieren, das vielfältige Brauchtum schenkt ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Mir zeigt das: noch weit mehr als Wirtschaftswachstum braucht es gesellschaftlichen Zusammenhalt, Identifikation mit Deutschland und Europa, Einsatz für Demokratie – gefördert durch Orte der Begegnung. Hier verfügen die Kirchen über reichlich Ritualkompetenz und herausragende Räumlichkeiten.
Sie können mindestens sechs christlich geprägte gesetzliche Feiertage noch viel weiter auslegen. Sie können Feiertagsroutinen entwickeln, die auch für Nichtchristen attraktiv sind. Die Frage sollte lauten: Wie lassen sich christliche Feste auch als integrierendes Gemeinschaftsangebot feiern?
Gesetzliche Feiertage sind ja nicht speziell für das Christentum da, sondern für alle Staatsbürger, egal welcher Weltanschauung. Das Rad muss mit Sicherheit nicht neu erfunden werden. Der heftig attackierte Pfingstmontag drängt sich geradezu auf als kirchlicher Tag der Einheit in Vielfalt, mit Blick auf Europa und die Europäische Union, auf den Kontinent von der Romanik bis hin zum Subsidiaritätsprinzip und europaweiten Partnergemeinden.
Fronleichnam als Tag des Hinausgehens in die Welt könnte viel stärker mit dem Aspekt christlicher Weltverantwortung sowie der Schöpfungsbewahrung verbunden werden, indem Pfarrgemeinden bewusst ihre Natur- und Klimaschutzprojekte vorstellen oder auch ihr soziales und gesellschaftliches Engagement.
Der Karfreitag könnte entgegen aller Anfeindung als Tag des Mitleidens und der offenen Kirchenräume beworben werden, in denen nichts als Stille angeboten wird.
Bei gesetzlichen Feiertagen geht es um Zusammenhalt, darum, dazuzugehören – ob zu einer Familie, einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Die Notwendigkeit einigender Beständigkeit wächst. Diese Chance sollten die Kirchen ergreifen, indem sie den nichtwirtschaftlichen Nutzen von Feiertagen ankurbeln. Denn ich bin der Meinung, dass es unserem Land nicht mehr bringt, wenn wir Feiertage streichen.
Ihr Pfarrer Ronny Baier
